Kurzgeschichte "Straßenverkehr":

 

"Diese gottverdammten Autos!", denkt er sich, mit Blick auf die viel befahrene Straße. Konrad ist zu Fuß auf dem Nachhauseweg und muss wieder einmal die zweispurige Hauptstraße überqueren. "Na, endlich geht's!", murmelt er schließlich erleichtert. Der ältere Herr zieht seine Taschenuhr heraus und stellt fest, dass er ganze sieben Minuten Zeit verloren hat.

Zuhause angekommen, beschäftigt ihn der Zeitverlust an der Staatsstraße noch immer. "Gegen diese Warterei muss man doch was machen können!", sagt er zu seiner Frau. "Du könntest ins Rathaus gehen und fragen, ob sie an der Hauptstraße eine Fußgänger-Ampel installieren.", antwortet Sibylle. "Na schön!", erwidert Konrad, "Heute hat das Rathaus schon geschlossen, aber morgen nehm ich mir extra den Nachmittag frei, damit ich da rein gehen kann".

Tags darauf lässt der genervte Mann seinen Worten Taten folgen und betritt das Rathaus. 
"Guten Tag!", ruft ihm die Sekretärin zu, "Sie wünschen?". 
"Ich würde gerne den Bürgermeister sprechen.", antwortet Konrad. 
"Dann nehmen Sie bitte einen Moment Platz. Herr Sporrer telefoniert gerade.", erwidert die junge Frau. 
Konrad befolgt die ihm gegebene Anweisung und wartet auf seinen Einsatz. 
"Herr Seidel, bitte!", ruft ihm der Bürgermeister schließlich wenig später zu. "Was führt Sie denn zu uns, Herr Seidel?", fragt ihn der Politiker. 
"Nun ja, auf meinem Weg zur Arbeit muss ich immer die Staatsstraße überqueren. Dabei verliere ich oft mehr als fünf Minuten Zeit, bis ich hinüber gehen kann, weil ein Auto nach dem anderen vorbeifährt.", antwortet Konrad. 
"… und Sie wünschen sich deshalb eine Fußgänger-Ampel, nicht wahr?", entgegnet Sporrer. 
"Genau richtig!", ruft der Antragsteller, "Das war zumindest die Idee meiner Frau.". 
"Ich kann Ihren Wunsch nach dieser Ampel gerne einmal im Stadtrat ansprechen, aber ich kann Ihnen gleich sagen, dass die Chancen schlecht stehen, dass das umgesetzt wird.", antwortet der Bürgermeister. 
"Und warum glauben Sie nicht an eine Umsetzung?", fragt Konrad. 
"Sie haben ja selbst bereits gesagt, dass zum Feierabendverkehr ein Auto nach dem anderen kommt. Würden wir jetzt noch eine Fußgänger-Ampel installieren, würde das den Verkehrsfluss noch mehr beeinträchtigen.", entgegnet Sporrer. 
"Verstehe. Teilen Sie mir aber bitte zu gegebener Zeit mit, was bei Ihrer Besprechung im Stadtrat herausgekommen ist.", antwortet der Antragsteller.

Nachdem sich die beiden Herren voneinander verabschiedet haben, macht sich Konrad ein wenig enttäuscht auf den Nachhauseweg. Als der ältere Herr sein Haus betritt, wird er bereits freudig von seiner Frau erwartet. "Und, was haben die Leute im Rathaus gesagt?", fragt sie ihren Mann. Nachdem Konrad seiner Gattin von seinem etwas enttäuschenden Gespräch mit dem Bürgermeister berichtet hat, versucht Sibylle, ihren Mann ein wenig aufzuheitern. "Warte doch einfach mal ab, was bei der Besprechung im Stadtrat herauskommt.", spricht sie ihm zu.

Einige Tage verstreichen, bis Konrad wieder einmal an der Staatsstraße Halt machen muss. Dieses Mal ist der Asphalt noch nass, weil zuvor ein Regenschauer herabgekommen war. Mehrere Autos passieren, bis schließlich ein Lastwagen viel zu nah am Gehweg vorbeifährt, sodass sich ein Riesenschwall an Regenwasser über Konrad's Hose ergießt. Nun wird der ältere Herr stocksauer und schreit: "Jetzt habe ich die Schnauze voll!". Schließlich kann der Pechvogel die Straße überqueren und erreicht völlig durchnässt sein Zuhause.

"Jetzt muss ich auch noch eine frische Hose anziehen!", ruft er seiner Frau zu. Sibylle hat Verständnis für den Ärger ihres Gatten und versucht, ihn zu besänftigen. "Das war doch nur ein Regenschauer. Die Staatsstraße ist bestimmt bis morgen wieder trocken.", beschwichtigt sie ihn. "Ah, wenn die Straße morgen schon wieder trocken ist, dann habe ich jetzt eine Idee.", antwortet Konrad. "Wir haben doch noch einen Eimer Wandfarbe in unserer Garage, nicht wahr?", fragt er weiter. "Na klar haben wir den noch, aber ich weiß jetzt nicht, worauf du hinaus willst.", entgegnet seine Frau. Der ältere Herr grinst daraufhin nur schelmisch und sagt leise: "Wart's ab!".

Zwei Tage später um 3 Uhr Nachts sieht Konrad den richtigen Zeitpunkt zur Umsetzung seines Plans gekommen: Der Asphalt ist wieder trocken und es ist kein Verkehr mehr auf der Straße unterwegs. Fröhlich pfeifend marschiert Konrad zur Staatsstraße, zieht - dort angekommen - einen Eimer weiße Farbe und einen großen Pinsel aus seiner Tasche und malt dort Streifen … für Streifen … für Streifen … zu einem breiten Zebrastreifen auf den Asphalt!

 

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